Die Großbuchstabenschrift
Deren Capitalis ist die Urschrift des Abendlandes und wurde schon weit vor der christlichen Zeitrechnung geschrieben. Aus ihren einfachen Formen entwickelten sich alle Schriftvarianten, die heute für die Sprachen Mittel- und Westeuropas benutzt werden. Vorwiegend wurde die Capitalis für Inschriften verwendet. Die römische Trajanssäule, entstanden 114 n. Chr., und die Inschriften auf Triumphbögen werden als Höhepunkt der Großbuchstabenschrift angesehen. Sie ist um die Zeitenwende zum klassischen Bau formal ausgebildet, jedoch ist sie noch ungegliedert. Die Lesbarkeit leidet unter der ornamentalen Schönheit; es folgt Wort auf Wort und Satz auf Satz ohne Zwischenräume oder Zeichen.
Ihre handgeschriebene Schwester ist die Rustica, die mit der Rohrfeder auf Papyrus geschrieben wurde und so eine gedrängtere Form entwickelte, bei der eine Betonung auf Kopf und Fuß vorlag.
Die schnelle Schrift für den Tagesgebrauch war die römische Kursive, die schon Ober- und Unterlängen aufweist, aber noch eine Großbuchstabenschrift ist.

Bis zum 5. Jahrhundert blieben diese Schriften für Lateintexte im Gebrauch. Aus der Großbuchstabenschrift Capitalis entstand über ihre geschriebene Variante Rustica die Unzialis zwischen dem 3. und 4. Jahrhundert im oströmischen Reich. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von den antiken Zeichen; das Prinzip der Rundung gibt dem Zeilenband etwas Fortschwingendes. Auch ist sie eine ausgesprochene Buchschrift, keine Monumentalschrift mehr. Die Semi- oder Halbunzialis, welche zwischen dem 5. und dem 9. Jhdt. ihre Verbreitung fand, kann man als Vorläuferin der Kleinbuchstabenschrift bezeichnen, da sie ausgeprägte Ober- und Unterlängen hat. Sie stand unter starkem Einfluß der römischen Kursive.

Zu jeder Zeit, in der geschrieben wurde, gab es eine förmlichere Buchschrift und eine leichter, vor allem aber schneller und geläufiger zu schreibende Kursive. Diese Geschäftsschriften für den täglichen Bedarf sind ebenfalls aus der Capitalis herzuleiten. Auch die Kursive oder Laufschrift war in ihren Ursprüngen eine Großbuchstabenschrift. Die Ausformung der Buchstaben wurde sehr stark von den Schreib- und Beschreibmaterialien beeinflusst. Meißel und Stein verlangen andere Formen als Griffel und Wachstafel oder Federkiel und Pergament. Je besser das Material und je höher das Schreibbedürfnis, desto freier wurde diese Schreibschrift und stand in ihrer Entwicklung in stetiger Wechselwirkung mit ihren formalen Schwestern. Die Bemühung um Bestimmtheit und Verschiedenheit der einzelnen Buchstaben standen dem Bedürfnis schneller und einfacher zu schreiben dabei entgegen.